Hartz IV ist „menschenverachtend“: Schauspielerin rechnet ab

Hartz IV ist „menschenverachtend“: Schauspielerin rechnet ab

Als Schauspielerin bei Film und Fernsehen hat man es geschafft: Ruhm, Geld und Anerkennung regnen nur so auf einen herab. Doch so schnell wie man den Aufstieg schafft, so schnell kann man auch wieder fallen. Das musste Bettina Kenter-Götte am eigenen Leib erfahren und fiel der Hartz IV Maschinerie zum Opfer.

Nach Krankheit Hartz IV Empfängerin

Jahrzehnte lang arbeitete sie erfolgreich als Schauspielerin, bis die 68-Jährige erkrankte und in die Erwerbslosigkeit rutschte. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sprach sie über ihre Erfahrungen mit Hartz IV und vor allem darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Angst vor Sanktionen zum ständigen Begleiter wird.

Zu Unrecht 100 Prozent sanktioniert

Nachdem sie nach 25 Jahren der Berufstätigkeit wegen ihrer Krankheit im Hartz IV Sumpf steckte, kam auch schon die erste Sanktion: 100 Prozent Leistungskürzungen auf Grund eines Meldeversäumnisses. Die Sanktionen, so Kenter-Götte, waren bereits nach damaligem Recht rechtwidrig und wurden entsprechend zurückgenommen. Doch es folgte ein weiterer Sanktionsbescheid – wegen eines angeblich „zu frühen“ Antrags auf Bedürftigkeit:

„Danach wusste ich: Hartz IV ist absurd, brutal, menschenverachtend, kontraproduktiv und in weiten Teilen rechtswidrig. Es sind ja auch schon Menschen verhungert bei Vollsanktionen.“

Karlsruher Urteil „sozial schwach“

Als das Urteil des Bundesverfassungsgerichts am 05.11.2019 verkündet wurde, durften Deutschlands Hartz IV Empfänger aufatmen: Keine Hartz IV Sanktionen von mehr als 30 Prozent der Leistungen. Für Kenter-Götte ließen sich zwischen den Zeilen des Karlsruher Urteils Schlupflöcher erkennen. Für sie ist das Urteil „sozial schwach“. Der Umgang des Arbeitsministeriums mit der verfassungsgerichtlichen Vorgabe ist Beweis für „die Unmenschlichkeit des Armuts- und Ausgrenzungsgesetzes Hartz IV“.

Staat begeht „Pflichtverletzung“ gegenüber Bürgern

Kenter-Götte weiß, was es heißt vom Staat drangsaliert und schikaniert zu werden. Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung nach Sanktionen bei Pflichtverletzungen stellt sie klar:

Die größte Pflichtverletzung liegt auf Seiten des Staates. Die Jobcenter haben über fast 15 Jahre Millionen von unbescholtenen Bürgerinnen und Bürgern verfassungswidrig behandelt. Das ist der schlimmste Rechtsbruch.“

Bewerbungstraining nach 40 Jahren als Schauspielerin

Besonders eine Maßnahme des Jobcenters scheint der Schauspielerin und Synchronsprecherin in Erinnerung geblieben zu sein: Nach 40 Jahren als Schauspielerin verlangt das Jobcenter von ihr, einen Bewerbungskurs zu machen, „und noch dazu bei einer Frau, die in einer Mail sieben Fehler gemacht hat. Es war hanebüchen! Aber wenn ich gesagt hätte, das mache ich nicht, das ist Steuergeldverschwendung, dann wäre ich vollsanktioniert worden.“

Niemand weiß, „was dort passiert“

Für Bettina Kenter-Götte ist Hartz IV „die Schreckenskammer der Gesellschaft“ – doch niemandem außerhalb des Systems ist wirklich bewusst, was eigentlich vor sich geht. Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung, warum die Gesellschaft das Hartz IV System weiterhin toleriere, hat sie eine klare Antwort:

„Das Vertrackte ist, dass die einzelnen Geschichten oft so absurd und kompliziert sind, dass man sie nicht glaubt.“

Titelbild: Photographee.eu/ shutterstock.com

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